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Der Zigeuner und der Gadjo
Es handelt sich hier nur um ein Geständnis im Bezug auf eine meiner Begegnungen mit ein paar rumänischen Zigeunern und dazu gehören freilich Unparteilichkeit und realistische Zärtlichkeit…

 Das ist eins der umstrittensten und heikelsten Gesprächsthemen, wenn es um Rumänien geht.
Es ist schwer, die Anzahl der Angehöriger an der zigeunerischen Minderheit in diesem Land zu veranschlagen. Die Veranschlagung liegt zwischen 400 000 und 2 000 000. Ihre meistens isolierte Lebensweise erregt entgegengesetzte Gefühle, von übertriebener Begeisterung bis zur brutalsten Abneigung.

Ich rede nicht nur darüber, was die Rumänen empfinden. Wir, sowohl Zuschauer als auch Mitspieler reagieren auch nicht unterschiedlich darauf , wenn es sich um die Obdachlosen handelt, oder um die Bettlerin, die zusammen mit ihren Kindern am Eingang der großen Läden bettelt, um die Karawanen, die sich am Rande der Stadt oder des Dorfes niederlassen, um die Wahrsagerin auf den Straßen von Saintes Maries de la Mer, um den Geigenspieler in einem Gartenlokal, um einen Bericht über das Zigeunerorchester «  Haiduc ». In diesem Zusammenhang sind wir kaum imstande, unsere Gefühle richtig zu bewerten, da der Zigeuner und zwar nicht er als Person an sich sondern die Vorstellung, die wir von ihm haben, so viel unser Interesse weckt.

Als ich 8 oder 9 war, kamen manchmal die Zigeuner mit ihren Pferdewagen und ließen sich auf einem kleinen Platz unseres Dorfes nieder, gleich vor den Fenstern des ersten Stocks unserer Rathaus-Schule. Ich sah meinen Vater, den Dorflehrer, sich lange Zeit mit den Männern, in der Regel Markthändlern, unterhalten. Die Frauen durchgingen die Dörfer und verkauften ihre Weidenkörbe, ihre Holzlöffeln und ihren wertlosen Schmuck. Die Kinder kamen zur Schule während ihrer Aufenthalt und nach der Schule spielte ich mit den Mädchen mit Puppen vor dem Dachwagen. Sie erzählten über ihre Reisen, über ihr Leben in den kleinen Wagen, wo sich beim Schlafen alle zusammendrängten. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob sie glücklich oder nicht waren, ob sie resigniert oder darüber empört waren, oder ob sie sich einfach an diesem Leben gewöhnt hatten, so wie ich an meinem…
Eines Tages, während wir unbesorgt auf dem Boden miteinander spielten, kommt meine Mutter zusammen mit meiner Großmutter und meiner jüngeren Schwester aus dem Haus. Sie sagt mir, dass sie einen Spaziergang machen wollen. Ich bitte um Erlaubnis, weiter mit meinen wandernden Freundinnen zu spielen, denn ich wusste, dass ich sie nie wieder treffen werde, sobald sie das Dorf verlassen. Meine Mutter stimmt zu, unter Bedingung , dass ich in den Wagen nicht einsteige. Das wundert mich, vor allem weil ich es zuvor nie getan hatte. Außerdem ziemt es sich nicht, jemandes Haus zu betreten, ohne dazu eingeladen gewesen zu sein, oder wenn die Mütter der Zigeunerkinder nicht dabei sind und sich die Väter auch nicht, weil sie sich auf dem großen Platz mit meinem Vater unterhalten…
Meine Mutter geht weg und und wir spielen weiter. Da wir uns nicht über das Kleid einer Puppe entscheiden konnten, sagte eines der Mädchen, dass es in ihrem Wagen Tüll gab. Tüll bedeutete für mich eine Tänzerin mit dunstigem Ballettröckchen, die Prinzessinpuppe, wie es in den Buden der Jahrmärkte gibt, und die man gewinnt, wenn Vati beim Scheibenschießen trifft, was meinem Vati nie geschah. Ich begleite sie zum Wagen aber erinnerre mich an das Verbot meiner Mutter und bleibe vor dem Eingang, stecke nur meinen Kopf hinein, um die Stoffe zu sehen und einen auszuwählen.
Gerade in diesem Moment kommen die Spaziergängerinnen zurück. Meine Mutter bittet mich mit trockener Stimme nach Hause zu kommen. Ich bin mir sicher, das Verbot beachtet zu haben. Aber am Ende der Treppen ließ sie mich nicht die Wohnung betreten sondern vor der Tür stehen, sagte mir, dass ich die Wohnung nie wieder betreten durfte, da ich die Zigeuner besucht hatte. Damit waren sie zu meiner Zukunft geworden, der einzig möglichen, ich sollte also wie sie ohne Ziel wandern, unter Hunger und Kälte leiden. Unter Unsauberkeit auch. Sie wurden also zum Teufelknecht, zum grauen Mann, der die trockenen Hasenhäute vom Dorf sammelt und vor dem die Eltern ihren Kindern warnen, wenn diese Dummheiten begehen. Und die Sage von dem Zigeuner, der Kinder entführt, wurde damit wieder belebt. Ich fange an zu weinen, zu heulen und anzuflehen aber ich durfte nicht mehr die Wohnung betreten, bevor mein Vater von seinem Treffen mit den Vätern meiner Freundinnen zurückkam. Und ich verstehe wieder nicht, warum meine Mutter ihn ohne den kleinsten Vorwurf eintreten ließ, obwohl ich mehrmals gesehen hatte, dass er selber die Wagen betreten hatte.
Das Ergebnis war, dass ich nach dieser Erfahrung nachts in meinem Bett davon träumte, weit von zu Hause zu gehen, mit meinen zigeunerischen Freundinnen mit dem Wagen zu reisen, meine Eltern zu verlassen und als Wanderer zu leben. Ich träumte davon, prächtige Landschaften zu durchstreifen und dabei mit Puppen mit blauen, rosa, grünen und weißen Tüllkleidern zu spielen. Ich trage selber weite Zigeunerröcke, glänzende Schals und glänzende Goldohrringe. Ich bin außer mir vor Freude, da ich endlich meine Haare lang tragen darf, die meine Großmutter immer sehr kurz schneiden lässt…
Später spürte ich ich eine besondere Neigung zu Esmeralda, während ich mich in die Lektüre von « Notre Dame de Paris » vertiefte, und zu den Frauen mit bunten Röcken, die praktisch bei uns jetzt nicht mehr zu sehen sind, denen ich aber während meiner ersten Reise durch Rumänien und dann der folgenden begegnete.
Nun aber, da ich eine vernünftige Erwachsene geworden bin, mischen sich in meinen Traum Fragen, Zweifel ein und ich beginne mich zu fragen, ob es glückliche Zigeuner gibt…
Gewiss wegen meiner ehemaligen Freundinnen versuchte ich mein ganzes Leben zu verstehen, warum sie sich so sehr an diese Lebensweise klammerten, die so verschieden von unseren Gesellschaftsnormen ist, warum sie solche umstrittenen Einstellungen hervorrufen, je nachdem sich um den kleinen herzbewegenden Bettler am Bahnhof in Lyon geht, der ein Schild hält mit dem Text « Ich bin mutterlos, ich habe Hunger, mein Vater ist arbeitslos, meine Mutter ist im Krankenhaus  » ; oder um den Mann, der auf dem Parkplatz in der Nähe meines Stammsupermarktes herumstreicht und zu unbedeutend ist, um überwacht zu werden ; um die Kinder, die auf dem Bahnhofsplatz in Kronstadt die Windschutzscheiben waschen, auch wenn man es ihnen nicht erlaubt, und die eine Belohnung für diesen nicht verlangten Dienst fordern ; um die Frau mit fünf oder sechs Kindern weit in den Westkarpaten, die mich darum bittet, ihr ein Brot zu kaufen und dann zieht 5000 Lei aus der Tasche (die sie wahrscheinlich am nächsten Kloster geschenkt bekommen hat), um es zu bezahlen, und die, sobald ich verweigere, das Geld anzunehmen, beginnt, von ihrem elenden Leben zu erzählen ; um den Mann, der uns in einem siebenbürgischen Dorf um eine Zigarette bittet, und den wir bei der Hitze zu unserem Tisch einladen, etwas zu trinken, und dabei riskieren, von den Passanten schief angesehen zu werden ; um Darius, den Jugendlichen aus Huedin, der uns um Geld bittet, der aber uns schließlich gesteht, in einem jener Palästen zu wohnen, die ich « Dallas der Zigeuner  » nannte, und der stolz seine echten Adidas-Schuhe zeigt und welcher das Gymnasium besucht ; um den Gauner auf dem Platz vor dem Bukarester Atheneum, der sich für einen Polizisten ausgibt und unsere Devisen sehen will und der so wie seine Helfer verschwinden, wenn ich ihm lächelnd erwidere « Nein, Sie sind ein Dieb. » ; um diese angesiedelte Zigeunerfamilie, die mich zum Kaffee bei ihnen einlädt, wenn ich um Erlaubnis bitte, ihr Haus zu fotografieren ; um diese zigeunerischen Kinder aus Purcareni, die über Unterstützung für die Schule vom Verband « Baum des Glücks » verfügen …
Ich könnte tausende Beispiele geben. Jährlich bin ich elf Jahre lang nach Rumänien gereist und bin sehr unterschiedlichen Zigeunern begegnet und konnte mich manchmal sehr kurz manchmal lange mit ihnen unterhalten…
Als ihr Wohnplatz unterscheidet man von dem Pferdewagen, dem schlecht unterhaltenen Zelt bis zum Sippenpalast, dessen Blechdach glänzt oder zu den verfallenen Häusern in manchen Bukarester Vierteln…
Freilich sagt das wenig über die wahre Welt der Zigeuner, wenn nicht über ihre Seltsamkeit, die oft stört. Eigentlich kenne ich DIE Zigeuner nicht, ich bin nur EINIGEN Leuten getroffen, über die man mir gesagt hat, sie seien Zigeuner.
Tief in meinem Sinn empfinde ich eine undeutliche Sorge : Was wird wohl mit ihnen geschehen in dieser gesäuberten, geregelten, organisierten Welt, die so weit entfernt davon ist, was für sie und für ihre Art und Weise, sich das Leben vorzustellen, bedeutend ist ?
Und wie wahr ist in dieser Welt das, was wir ihre Freiheit und ihre Unabhängigkeit nennen, da sie oft davon leben, was die anderen bereit sind, zu spenden, den Dieben zu überlassen oder von ihnen zu kaufen, wenn sie überhaupt etwas zu verkaufen haben ?
Kann unsere Gesellschaftsordnung, auch wenn man versucht, sie zu verstehen, auf die Dauer Gemeinschaften dulden, die an der Grenze der Gesetzlichkeit und dessen, was unseren erzieherischen Wert, unsere Lebensweise ausmacht und manchmal gefährdet ?
Wenn man in unseren Wagen oder in unsere Wohnung einbricht, können wir bei dem Gedanken froh sein, dass sich jetzt vielleicht eine Zigeunerbande über alle unsere Güter freut, die wir durch Arbeit und durch gesellschaftlichen Normen erworben haben, und die jetzt ihr ein Leben getrennt von unserem ermöglichen ? Freilich sind nicht alle Diebe Zigeuner. Wären wir aber toleranter, wenn wir Bescheid wüssten, dass es unsere sind ? Ehrlich gesagt bezweifle ich es, dass irgendjemand, ich inbegriffen, so viel Entsagung zeigen würde…
Um nicht mehr über die Konflikte zwischen den Sippen zu sprechen, denn die Regeln jeder Sippe unterschiedlich sind und kaum noch für alle gültig sind…
Es gibt natürlich die Zigeuner von den Filmen, von Gatlif und Kusturica und vielen anderen , die sehr sympathisch sind. Die uns träumen lassen, wie kein anderes Volk es tut. Sie sind unserem Underground so ähnlich, dass wir nicht mehr fähig sind, vernünftig zu beurteilen…
Auch wenn man in der Wirklichkeit sehr unterschiedliche Erfahrungen mit ihm gemacht hat, kann man sich dessen nicht enthalten, den größten Respekt für dieses Volk zu haben und von dem Reiz dieses Volkes angezogen zu fühlen, das isoliert von unserer Gesellschaft lebt.
Darüber herrscht Meinungsverschiedenheit. Die Not der Zigeuner bewegt uns, ihre Lebensweise, die uns nicht gerade den Eindruck macht, dass unsere parallel an ihr verlaufen kann, ärgert uns, ihre Sehnsucht nach Freiheit begeistert uns… Das stellt uns vor dieses unerträgliche Dilemma, dass es sich dieses unwahrscheinliche Gefühl der Freiheit nicht lohnt, ihres, das manchmal zu Ungunsten anderer von der Toleranz anderer abhängt, unseres, das davon abhängt, was unsere Errungenschaften und unser Streben als Gesellschaft übrig lassen, was oft eher erwünscht als wahr ist…
Abgesehen von diesen ein wenig theoretischen Überlegungen zeigt uns die Wirklichkeit, dass sie wirklich da sind, in unserer Nähe und es wird noch lange dauern, bis sie ihren Platz finden werden und dabei das retten, was in ihnen wert ist, bis wir selber ihnen einen Platz machen können, so dass wir auch retten, was in uns wert ist.
Bis dann bestehen leider noch das Unverständnis, die Xenophobie und die Idealisierung durch sie von unseren Wünschen, die von unserer Angehörigkeit an dieser sogenannten zivilisierten Welt frustriert werden, eine Welt, die die Solidarität und den Respekt für das Anderssein hoch schätzt. Zurück mit den Füßen auf den Boden …

(Die Fotos wurden dazu ausgewählt, um den Alltag der Zigeuner in Rumänien darzustellen, so wie manche ihrer Häuser zu zeigen, frei von jedem humanitären oder volkstümlichen Zusammenhang. Es sind die Zigeuner, denen ich in Rumänien begegnet bin.)

© Fotos Eliane Roussel


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