Nach der dekorativen Überschwenglichkeit am Anfang des Jahrhunderts gewinnt allmählich der Funktionalismus, wie überall in Europa, an Boden. Nach den Zerstörungen des Ersten Weltkriegs entsteht das riesige Bedürfnis nach Wohnungen. Das führt zu einer Standardisierung der Architektur. Die Ornamentik der Gebäude spielt nun eine untergeordnete Rolle.
Le Corbusier gründet den neuen Stil. Die Ornamente gelten als anachronistisch und sinnlos, da sie nur eine Ergänzung des Baustils darstellen. Die Struktur selber der Gebäude soll als Ornament gelten.
Die avantgardistischen Strömungen werden die Epoche zwischen den Weltkriegen beeinflussen. Vor allem Gropius als Begründer von Bauhaus legt die Normen der neuen Ästhetik fest, wobei der Funktionalismus den Vorrang gegenüber der Ornamentikt hat.
Diese Strömung wirkt sich auch auf die innere Einrichtung und auf die Möbel aus. Der Beischmuck und das Blumenmotiv werden gebannt. Diese werden von den geraden und feinen Linien ersetzt.
Das Alte und das Moderne setzen sich auseinander. Dabei verliert der für den Anfang der Epoche charakteristische Lebensgenuss, denn diese persönliche aber teuere Baukunst soll der wirtschaftlichen Notlage der Nachkriegszeit unterliegen.
Es beginnt die Epoche des Betons.
Das Bedürfnis danach, die Kosten zu reduzieren, setzt sich durch und führt zur Vermehrung der Gemeinschaftswohnungen.
Das steht im Gegensatz zum bei manchen Kommanditisten sehr starken Bedürfnis danach, den Luxus der Vorkriegszeit wieder zu beleben. Das zeigt sich in dem Widerstand, den manche Architekten gegen den neuen Trend leisten.
Deswegen werden immer noch Häuser im Neubrancovaner Stil mit Ornamenten der Art Nouveau gebaut werden. Dieser Widerstand nimmt bis in unserer Zeit ab, sowohl in Bukarest als auch in ganzem Rumänien.
„Die Ausstellung der Dekorierungskunst“ von Paris beeinflusst 1925 den Anfang einer Epoche, wo die gespaltenen Linien und das Zackenornament sowohl in Gebäuden, bei Wohnhäusern oder betrieblichen Bauten als auch in ihrer inneren Einrichtung herrschen. Die geometrischen Formen gründen sich auf der Entdeckung durch die Westeuropäer der ägyptischen Ornamente. Sie stammen aus der Zeit der Ausstellung der Mumie von Tut-anch-Amun in Europa. Sie führen aber auch auf die Entdeckung der morgenländischen Schätze aus Sumer und Assur zurück.
In Rumänien lassen sich diese Inspirationsquellen in der Ähnlichkeit ihrer Themen mit bestimmten traditionellen Künsten erkennen, vor allem in den Teppichen und in der Töpferei.
Außerdem zwingt die Verwendung von Baustoffen wie Beton, Glas, Metall neue technische Normen auf. Das und die Weltwirtschaftskrise verwandeln den billigeren „modernen Stil“ in einen internationalen Baustil.
Gleichzeitig existiert in Bukarest eine selbständige Strömung, welche die totale Uniformisierung und Standardisierung des Wohnhauses ablehnt. Der neurumänische Stil geht seinen eigenen Weg, vor allem in Siebenbürgen und weniger in der Hauptstadt und bezieht sich eher auf die individuellen Wohnhäuser als auf die Gemeinschaftswohnungen. Selbstverständlich gibt dieser stark in der traditionellen Kultur verankerte Stil den Anhängern des Modernismus „eine harte Nuss zu knacken“. Die Nachvollziehung dessen, was eigentlich die wirtschaftlichen Bedingungen veranlasst haben, sowie die intellektualisierte Theoretisierung, die den Modernismus zum Dogma gemacht haben, begegneten der rumänischen Seele und ihrer überschwenglicher Kreativität, die aber stark an der Tradition gebunden ist.
Die neue Norm wird immer mehr davon beeinflusst und sogar die Gebäude, die sich den neuen Normen unterziehen sollten, bieten hier und da ein kleines wertvolles Ornamentstück, das an die Nostalgie von Mogosoaia, Potlogi oder den schönen Gebäuden vom Anfang des Jahrhunderts erinnert.
Im Laufe der Epochen, die ihre Baustile den anders denkenden Stadtbewohnern und Künstlern aufgezwungen haben, trägt diese Verfeinerung dazu bei, dass Bukarest im 20. Jahrhundert seinen rumänischen Reiz aufbewahrt hat, sogar zur Zeit des Kommunismus, dessen Baustil die traditionelle Gestaltung der Stadt umwandeln wird.
Selbst wenn die politischen Kriterien es verlangen, finden die uralten Kulturerfahrungen ein Mittel, um ein Ornament, eine unerwartete Kurve diskret zu prägen, so dass sie von der Vergangenheit und von der Zukunft erzählen können.
Trotzdem ist es schwierig, die Wohnhäuser im ärmlichen Baustil aus der Zeit von Ceausescu zu übersehen, die im scharfen Gegensatz zu den luxuriösen kitschigen Prestigegebäuden stehen. Handelt es sich dabei wirklich um Architektur oder eher um die Machtergreifung eines sogenannten neuen Menschen ?...
Was bleibt in der Geschichte aus jener Epoche ? Niemand kann darauf antworten, solange die Wunden nicht vollständig heilen. Der Boulevard der Wiedervereingung ist fast leer, aber man sieht immer öfter geschlossene Balkons mit improvisierten Verandas. Nun kurz zum Balkon. Er ist ein Übergang zwischen Innen und Außen und typisch für die Bukarester Architektur, auch wenn die Fassaden wegen der geschlossenen Balkons platt und seltsam aussehen.
Die Zeit wird nicht wirklich die „Ästhetik“ der Zikkurat der Macht, oder die breite Straße, die dazu führt, verändern können, aber die Vollendung der meisten Bauten bewirkt, dass dieser Teil von Bukarest wohl oder übel seiner Geschichte gehören wird.
Nach 1989 kehrt der Eklektizismus im Baustil wieder. Manchmal unter den Umständen einer wilden Urbanisierung. Trotzdem befinden sich die großen Glasfassaden, in der sich die alte Architektur widerspiegelt, ganz in der Nähe von ärmlicheren unlängst gebauten Häusern im neurumänischen Baustil.
Wie alle Städte der Welt verwandelt sich auch Bukarest in eine Metropole des 3. Jahrtausends aber auf seine eigene Art und Weise, die man wie in einem echten vollständigen Wohnungskatalog erkennt. Das passiert in einem Land, wo das Haus und die Stadtviertel echte Lebenszentren sind, während die Länder Westeuropas seit mehreren Jahrzehnten versuchen, diese Werte wieder zu beleben, ohne dass es ihnen tatsächlich gelingt...
Was heute am häufigsten auffällt, ist, dass die traditionelle Gestaltung der Stadt fortbesteht und dass ihre Bewohner sehr dazu stehen. Das Leben der Stadtviertel bleibt eine der starken Seiten der modernen Stadt und der Stadtentwicklung.
Sie liegen um eine Kirche oder einen Marktplatz und haben eine spezifische Lebensweise, die sich oft von denen der anderen unterscheidet, sie bleiben aktuell, egal wie sie der Verwaltungsapparat teilt.
Das macht Bukarest zu einer einzigartigen und sehr menschlichen Stadt, weil sie stark in einer noch lebendigen Tradition verankert ist.
Wie lange wird das noch dabei bleiben ?
© Fotos : Dinu Lazar, Iulia Cojocariu, Eliane Roussel